Strom-Netzentgelte: Was Unternehmen in Deutschland wissen müssen
Philip Gutschke · zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2025
Netzentgelte sind ein wesentlicher Bestandteil der Stromkosten, die von Unternehmen in Deutschland getragen werden. Sie werden für die Nutzung des Stromnetzes erhoben und werden deshalb manchmal auch “Netznutzungsentgelte" genannt. Für viele Betriebe sind sie ein erheblicher Kostenfaktor. Deshalb ist es entscheidend, dass Unternehmen die Struktur und die Entwicklung der Strom-Netzentgelte verstehen, um Einsparpotenziale zu erkennen und gezielt zu nutzen.
Kurz und knapp
Netzentgelte sind für die Nutzung des Stromnetzes zu zahlen und setzen sich aus Transport-, Verteilungs- sowie in manchen Fällen das Messentgelt zusammen. Regionale Unterschiede und Verbrauchsstrukturen beeinflussen den Betrag.
Die Bundesnetzagentur plant ab dem Jahr 2026 eine Reform der Netzentgelte, die energieintensive Unternehmen entlasten soll. Kleinere Betriebe könnten durch die neuen Regelungen jedoch mit höheren Kosten belastet werden.
Durch verschiedene Maßnahmen wie gezieltes Lastmanagement, den Einsatz intelligenter Energiesysteme sowie die Beantragung von Sondernetzentgelten können Unternehmen ihre gesamten Stromkosten effektiv und langfristig senken.
Was sind Netzentgelte für Strom?
Netzentgelte sind Gebühren, die Stromkunden für die Nutzung der Stromnetze zahlen. Diese Entgelte decken die Kosten für den Betrieb, die Instandhaltung und den Ausbau der Netzinfrastruktur. Sie werden von den Netzbetreibern erhoben und von der Bundesnetzagentur reguliert, um Transparenz und Fairness sicherzustellen und eine Monopolisierung durch die Stromnetzbetreiber zu verhindern.
Unternehmen zahlen diese Entgelte entsprechend ihres Verbrauchs und ihrer Netznutzungsart, wodurch sie eine bedeutende Rolle bei den Energiekosten spielen – 2024 machten die Strom-Netzentgelte ein Viertel der Stromkosten aus!
Jedoch können Sie direkten Einfluss auf die Höhe der Netznutzungsentgelte nehmen und diese senken. Dazu müssen Sie jedoch zunächst verstehen, wie sich die Netznutzungsentgelte zusammensetzen.
Mehr über die Strompreis-Zusammensetzung erfahren Sie hier
Zusammensetzung der Netznutzungsentgelte
Die Netzentgelte setzen sich aus mehreren Bestandteilen zusammen, die eng mit dem Betrieb und der Erhaltung der Stromnetze verbunden sind. Diese Zusammensetzung wird durch mehrere Faktoren bestimmt, darunter die Netzinfrastruktur, die Verbrauchsstruktur und regulatorische Vorgaben. Im Folgenden werden die wichtigsten Bestandteile und Einflussfaktoren näher beleuchtet.
Transport- und Verteilungsentgelte
Ein wesentlicher Teil der Netzentgelte sind die Transportkosten, die durch die über 880 Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland entstehen. Diese betreiben Hochspannungsleitungen, die den Strom über weite Strecken zu den Verteilernetzen transportieren.
Die Höhe dieser Kosten ist dabei von der Spannungsebene abhängig: Hochspannungsleitungen verursachen höhere Kosten als lokale Niederspannungsnetze. Zudem spielen geografische Gegebenheiten eine Rolle, da in topografisch anspruchsvollen Regionen der Bau und die Instandhaltung der Netze aufwändiger sind.
Die Kosten für die Verteilung innerhalb regionaler Stromnetze machen ebenfalls einen großen Anteil aus. Besonders in ländlichen Gebieten mit geringer Verbrauchsdichte fallen diese höher aus, da die Netzabschnitte länger und die Wartungsarbeiten umfangreicher sind. Im Gegensatz dazu profitieren Ballungsräume von einer höheren Verbrauchsdichte und können die Kosten effizienter auf mehrere Abnehmer verteilen.
Die folgende Grafik zeigt den Aufbau des deutschen Stromnetzes:
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Erneuerbare Energien
Das Ausmaß der erneuerbaren Energien in einer Region spielt eine zunehmende Rolle bei der Berechnung der Netznutzungsentgelte. Regionen mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien benötigen oft zusätzliche Infrastruktur, um die Einspeisung und Verteilung dieser dezentral erzeugten Energie zu gewährleisten. Diese Kosten werden auf die Netznutzungsentgelte umgelegt.
Darüber hinaus führen Schwankungen bei der Erzeugung erneuerbarer Energien zu einem höheren Bedarf an Flexibilitätsmaßnahmen wie Energiespeichern oder Backup-Kraftwerken, was sich ebenfalls auf die Kostenstruktur auswirkt. Je mehr Strom jedoch aus erneuerbaren Quellen stammt, desto stabiler wird das Netz.

Messentgelte und Verbrauchszähler
Die Nutzung und Wartung von Messstellen, die den Energieverbrauch erfassen, stellen eine weitere Kostenkomponente dar. Diese Entgelte werden insbesondere durch die Art der Messsysteme beeinflusst. Moderne, digitale Zähler, die eine exakte Verbrauchserfassung ermöglichen, können langfristig Kostenvorteile bieten. Dennoch verursachen sie in der Einführungsphase höhere Investitionskosten, die auf die Netzentgelte umgelegt werden.
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Verbraucherzusammensetzung und regionale Unterschiede
Die Struktur der Verbraucher in einer Region hat ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Netznutzungsentgelte. In Regionen mit hohem Industrieanteil sind die Entgelte oft niedriger, da die Lasten gleichmäßiger verteilt und Spitzenverbräuche reduziert werden können. Privatkunden oder Kleingewerbe hingegen verursachen aufgrund ihrer unregelmäßigeren Lastprofile höhere Kosten.
Zusätzlich unterscheiden sich die Entgelte stark zwischen ländlichen Gebieten und städtischen Regionen. Dies liegt vor allem an der Netzdichte, der Ausbaugeschwindigkeit und den Wartungsanforderungen der jeweiligen Infrastruktur.
Die Benutzerstunden
Je kontinuierlicher der Abnehmer seinen Strom bezieht, desto günstiger werden die Netzentgelte. Einschätzen lässt sich das über die Benutzerstunden. Diese geben an, wie viele Stunden ein Abnehmer seine maximale Anschlussleistung im Jahr nutzen würde.
Höhere Benutzerstunden bedeuten, dass die vorhandene Netzkapazität effizienter genutzt wird, was zu niedrigeren Arbeitspreisen – also zu entsprechend niedrigeren Netzentgelten – führt. Umgekehrt ist, je niedriger die Benutzungsstunden, der Arbeitspreis höher.
Sie errechnen sich, indem man den Jahresstromverbrauch durch die Höchstleistung (Pmax) teilt. Wenn das Ergebnis kleiner als 2.500 h/a (Stunden pro Jahr) ausfällt, ist der Leistungspreis (LP) also niedrig und der Arbeitspreis (AP) demnach höher. Sind die Benutzerstunden höher als 2.500 h/a, ist der Leistungspreis hoch und der Arbeitspreis dafür niedriger.
Beispiel:
Gewerbebetrieb
Höchstleistung: 225 W
Jahresverbrauch: 540.000 kWh
Das ergibt 2.400 Benutzerstunden, also einen niedrigen Leistungspreis und einen hohen Arbeitspreis.
In der NS 7 ohne Trafo zahlt dieses Unternehmen in Schleswig-Holstein 20 € pro kW/a (LP: 4.500 €) und 540.000 kWh zu 4,4 ct/kWh (AP: 23.760 €).
Insgesamt sind das also 28.260 € für Netzentgelte.
Aktuelle Entwicklungen und Reformen
Die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen rund um Strom-Netzentgelte unterliegen ständigen Veränderungen. Die Bundesnetzagentur plant eine umfassende Reform der Industrienetzentgelte, um die Kostenstruktur fairer und transparenter zu gestalten. Ziel ist es, insbesondere energieintensive Unternehmen zu entlasten, da deren Stromkosten oft einen erheblichen Anteil an den Gesamtkosten ausmachen.
Die neuen Regelungen sollen ab dem 1. Januar 2026 in Kraft treten. Bis dahin befindet sich die Reform in der Konsultationsphase, in der Unternehmen und Verbände ihre Stellungnahmen abgeben können. Diese Reform könnte zu einer spürbaren Senkung der Stromkosten für Großverbraucher führen und deren Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten stärken.
Gleichzeitig sind kleinere Unternehmen möglicherweise mit steigenden Netzentgelten für Strom konfrontiert, da sie weniger von den geplanten Entlastungen profitieren. Ein umfassendes Verständnis dieser Reform ist essenziell, um rechtzeitig Maßnahmen zur Kostensenkung zu ergreifen und mögliche Risiken abzufedern.
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Strategien zur Senkung der Strom-Netzentgelte
Unternehmen haben verschiedene Möglichkeiten, ihre Netzentgelte zu reduzieren. Dabei spielt sowohl die Optimierung des eigenen Energieverbrauchs als auch die Nutzung spezieller Regelungen eine Rolle. Die folgenden Ansätze zeigen, wie Unternehmen ihre Energiekosten effizient senken können.
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Beispiel:
Das Unternehmen aus obenstehendem Beispiel könnte durch folgende Maßnahmen seine Stromkosten senken:
Da es mit 540.000 kWh für die Niederspannung einen sehr großen Verbrauch hat, könnte es mit einer eigenen Mittelspannungsstation und Spannungsebenenwechsel sparen:
MS 5 mit eigenem Trafo (einmalige Kosten: 50.000 €):
9,00 € x 225 kW = 2.025 €
540.000 kWh x 2,0 ct/kWh = 10.800 €
In Summe also 12.825 €, was eine Kostenersparnis von 15.435 € pro Jahr bedeutet.
Lastmanagement und Verbrauchsoptimierung
Eine effektive Methode zur Senkung der Netzentgelte ist das Lastmanagement. Durch eine gezielte Steuerung des Energieverbrauchs und Kenntnis der eigenen Benutzerstunden können Lastspitzen vermieden werden, die zu höheren Kosten führen. Unternehmen können zudem durch die Optimierung ihrer Produktionsprozesse Energie effizienter nutzen.
Darüber hinaus sollten intelligente Energiemanagementsysteme in Betracht gezogen werden, die den Stromverbrauch in Echtzeit analysieren und gezielte Einsparungen ermöglichen. Auch die Zusammenarbeit mit spezialisierten Dienstleistern kann helfen, individuelle Lastprofile zu optimieren und dadurch weitere Einsparpotenziale zu realisieren.
Nutzung von Sondernetzentgelten
Einige Unternehmen haben bereits die Möglichkeit, Sondernetzentgelte zu beantragen, die ihnen reduzierte Kosten ermöglichen. Diese Option steht vor allem energieintensiven Betrieben offen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu zählen beispielsweise ein stabiler Energieverbrauch oder ein systemrelevanter Beitrag zur Netzstabilität.
Die Prüfung und Beantragung solcher Entgelte kann eine signifikante Kostensenkung bewirken. Unternehmen sollten sich umfassend und frühzeitig über die Bedingungen informieren, um den Antrag erfolgreich zu stellen.
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Zukünftige Trends und Ausblick
Die Energiewirtschaft befindet sich im Wandel. Technologische Innovationen und politische Entscheidungen beeinflussen die Entwicklung der Netznutzungsentgelte. Unternehmen sollten diese Trends im Auge behalten, um rechtzeitig auf Veränderungen reagieren zu können. Die nachfolgenden Abschnitte geben einen Ausblick auf zentrale Entwicklungen.
Digitalisierung und Smart Grids
Die Digitalisierung und der Einsatz von Smart Grids bietet Unternehmen neue Möglichkeiten, ihren Energieverbrauch zu optimieren. Intelligente Stromnetze können den Energiefluss effizient steuern und Kosten reduzieren. Neben der Optimierung der Energieeffizienz können Smart Grids auch dabei helfen, Lastspitzen besser zu verteilen und die Integration erneuerbarer Energien zu verbessern.
Durch die Vernetzung von Erzeugern, Verbrauchern und Speichersystemen lassen sich Stromflüsse in Echtzeit überwachen und anpassen. Unternehmen, die frühzeitig auf diese Technologie setzen, können nicht nur Kosten senken, sondern auch aktiv zur Netzstabilität beitragen. Förderprogramme und staatliche Anreize bieten zudem finanzielle Unterstützung bei der Implementierung von Smart-Grid-Technologien.
Was sind Smart Grids?
Smart Grids, auch als “intelligente Stromnetze” bezeichnet, verbinden klassische Energieversorgung mit moderner Kommunikationstechnologie. Sie ermöglichen eine effiziente Steuerung und Überwachung des Stromflusses in Echtzeit. Dadurch können Energieverbrauch und -erzeugung optimal aufeinander abgestimmt werden. Dies reduziert nicht nur Kosten, sondern verbessert auch die Stabilität des Stromnetzes und die Integration erneuerbarer Energien.
Einfluss der Energiewende auf Netznutzungsgebühr
Die Energiewende führt zu einem zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien, was auch die Netzentgelte nachhaltig beeinflusst. Investitionen in die Netzstabilität und den Ausbau von Speicherkapazitäten könnten zunächst zu höheren Kosten führen, bieten jedoch auch Chancen für innovative Energielösungen.
Unternehmen sollten sich darüber informieren, wie sich die Einspeisung von Solar- und Windenergie auf ihre Netznutzungsgebühr auswirkt und welche Möglichkeiten zur Kompensation bestehen. Ein wichtiger Faktor ist die Entwicklung von Speichersystemen, die es ermöglichen, Überschüsse aus erneuerbaren Energien zu speichern und bei Bedarf zu nutzen. Dies könnte langfristig zu einer Stabilisierung und sogar Senkung der Netzentgelte führen.

Lesetipp: Studie zur Energiewende 2024
Weg von fossilen Energieträgern, hin zur Energieversorgung aus nachhaltigen Quellen: Dieser Weg wird als Energiewende bezeichnet. wattline hat zu diesem Thema eine umfangreiche Studie veröffentlicht. Erfahren Sie mehr dazu in unserer Studie zur Energiewende 2024.

Fazit
Für Unternehmen in Deutschland sind Netzentgelte ein zentraler Kostenfaktor, der sich durch gezielte Strategien und ein fundiertes Verständnis optimieren lässt. Die aktuellen Entwicklungen und technologischen Fortschritte bieten sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Unternehmen sollten die Möglichkeiten zur Kostenreduktion aktiv nutzen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Über Philip Gutschke
Philip verantwortet als Bereichsleiter Energiebeschaffung die strategischen und operativen Einkaufsprozesse für die Mitglieder der Einkaufsgemeinschaft und vertritt deren Interessen beim BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft).
Er beschäftigt sich leidenschaftlich mit den aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen im Energiemarkt. In seiner Freizeit findet man ihn am, im oder auf dem Wasser.

Häufige Fragen
Warum variieren die Netzentgelte in Deutschland regional?
Die Höhe der Netznutzungsentgelte unterscheidet sich regional aufgrund verschiedener Faktoren wie Bevölkerungsdichte, Netzausbaustand und regionaler Infrastrukturkosten. In Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte oder hohem Investitionsbedarf für den Netzausbau können die Entgelte höher sein.
Wie beeinflussen die Netzentgelte die Strompreise für Endverbraucher?
Netzentgelte machen einen bedeutenden Teil des Strompreises aus. Steigen die Netzentgelte, erhöht sich in der Regel auch der Strompreis für Endverbraucher. Daher wirken sich Änderungen der Netzentgelte direkt auf die Stromkosten aus.
Wer legt die Höhe der Netzentgelte fest?
Die Netzentgelte werden von den Netzbetreibern vorgeschlagen, jedoch von der Bundesnetzagentur und den Landesregulierungsbehörden geprüft und genehmigt. Diese Regulierung stellt sicher, dass die Entgelte fair und angemessen sind.
Wie werden Netzentgelte für Strom berechnet?
Die Berechnung der Netzentgelte basiert auf den Kosten für Bau, Betrieb und Wartung der Netze. Dabei werden Faktoren wie Verbrauchsmenge, Anschlussart und regionale Gegebenheiten berücksichtigt. Die genaue Berechnung erfolgt gemäß Vorgaben der Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV).